Selemani Mumbere war am 22. Mai 2021 auf dem Heimweg, als ihn seine Tochter Janine anrief. Panik lag in ihrer Stimme. «Papa, Papa, schnell, schnell! Er ist ausgebrochen!», rief sie. Der Primarschullehrer wusste sofort, was gemeint ist: «Er», das war der Nyiragongo.
Der 3469 Meter hohe Stratovulkan liegt nur wenige Kilometer hinter der ostkongolesischen Millionenstadt Goma. Er gehört zu einer Kette von acht Vulkanen im ostafrikanischen Grabenbruch, einer tektonisch aktiven Dehnungszone. Der Nyiragongo gilt als einer der gefährlichsten Vulkane Afrikas. Sein Lavasee ist der derzeit grösste der Welt und steigt immer wieder. Wenn er ein bestimmtes Niveau erreicht, kann es zu einer Eruption kommen. Beim Herunterfliessen erreicht die glühende Lava aufgrund des geringen Drucks und des hohen Sauerstoffgehalts eine Geschwindigkeit von bis zu hundert Kilometern pro Stunde.
An jenem Maitag vor bald zwei Jahren blieb den Menschen in Goma deshalb nur wenig Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen.
Der unerwünschte Gast
Mumbere beschreibt den Nyiragongo als einen «unerwünschten Verwandten»: «Du kannst ihn ignorieren und verachten, trotzdem taucht er ab und zu an deinen Familienfeiern auf – der Berg ist bis in alle Ewigkeiten mit uns verbunden.» Der 58-Jährige steht in einer öden, grauschwarzen Landschaft aus Vulkangestein. Hier stand früher sein Haus, bevor es, wie die meisten Gebäude in Buhene, einem Aussenquartier Gomas, von der Lavawalze verschluckt wurde.
Nach der ersten Warnung seien der Familie gerade einmal dreissig Minuten geblieben, um zu fliehen, erinnert sich Mumbere. «Überall sah ich Häuser, die in Flammen aufgingen.» Gemäss der kongolesischen Regierung sind am ersten Tag rund 5000 Häuser von der Lava zerstört worden, über dreissig Personen sind gestorben. Wäre die Lava bis ins Zentrum der Stadt vorgedrungen, wie manche Experten befürchtet hatten, wären es wohl deutlich mehr gewesen.
Mumbere ist bis heute wütend, dass es keine Vorwarnung der Behörden gegeben hat. Das hätte es ihm erlaubt, zumindest einen Teil seiner Habseligkeiten zu retten. «Wir konnten nichts tun», sagte er. «Wir durften bloss zuschauen.»

Frühwarnsysteme für Vulkanausbrüche sind immer fehleranfällig. Oft aber kündigt sich eine Eruption an – mit Erdbeben, durch das Aufsteigen von vulkanischen Gasen oder die Füllung von unterirdischen Magmakammern. So war es auch bei den beiden vorherigen Ausbrüchen des Nyiragongo in den Jahren 1977 und 2002 gewesen, als vor der Eruption starke Erdbeben verzeichnet worden waren.
Vor dem Ausbruch im Mai 2021 war das anders: Die Messgeräte, die in den Jahren davor mit internationaler Unterstützung installiert worden waren, registrierten nichts Ungewöhnliches. Bis 40 Minuten vor der Eruption gab es überhaupt keine Warnung.

Keine typischen Symptome
Ein internationales Forschungsteam des European Center for Geodynamics and Seismology in Luxemburg bestätigte vergangenes Jahr in einer Studie, dass es keine Hinweise für einen Ausbruch gegeben hatte. Kleine Erdbeben und eine Zunahme von sogenannten Infraschallwellen waren erst zehn Minuten vor dem Ausbruch zu registrieren. Die Forscher schlugen deshalb vor, seismische Geräte künftig besser auf die Eigenheiten der jeweiligen Vulkane abzustimmen.
Es ist ein Vorschlag, der bei Adalbert Muhindo auf offene Ohren stösst. Er ist der Direktor des Vulkan-Observatoriums in Goma (GVO), das die Aktivitäten des Nyiragongo überwacht und ein Frühwarnsystem betreibt. Das Geld sei schon lange knapp, sagt er. Manchmal fehle es an Treibstoff für Exkursionen, die Computer seien veraltet, und die Masken, die sein Team am Kraterrand vor den Gasen schützen sollten, seien oft defekt. «Wir brauchen weitere finanzielle Mittel, um die Betriebskosten zu decken und neue Geräte anzuschaffen», sagt Muhindo.
Bisher blieb Muhindos Aufruf indes ohne Erfolg. Weder die kongolesische Regierung noch internationale Geberorganisationen haben ihren Beitrag ans Observatorium seit dem Ausbruch wesentlich erhöht.
Geschmolzene Schuhe
Als Mumbere wenige Tage nach dem Ausbruch auf sein Land zurückkehrte, musste er weinen. «Es war nichts mehr da. Ich sah nur noch Steine», sagt er in Erinnerung daran. In den ersten Tagen sei das Lavafeld noch heiss und der Schwefelgestank überwältigend gewesen. Doch Mumbere wollte rasch mit dem Wiederaufbau beginnen. «Ich musste drei Mal neue Sandaletten kaufen, da die Sohle weggeschmolzen war.» Auch habe er in diesen Tagen an starken Kopfschmerzen und Hautausschlägen gelitten – wohl wegen des hängenden Schwefelgeruchs.
Die erste Hürde, die es beim Wiederaufbau zu überwinden galt, war die Landverteilung. Das Quartier sei zusammengekommen und habe gemeinsam festgelegt, wie das Land unter den einstigen Besitzern verteilt werde. Heute begrenzen vier weiss bemalte Steine Mumberes Land.
Rund 10 000 Dollar wird der Wiederaufbau seines Hauses kosten, wie Mumbere schätzt. Angesichts seines Lehrerlohns von monatlich knapp 300 Dollar ist das sehr viel Geld.


Von der Regierung werden die Rückkehrer nicht unterstützt. Diese möchte nicht, dass die einstigen Bewohner in die Gefahrenzone zurückkehren. «Dies ist mein Zuhause, mein eigenes Land, das Land meines Vaters. Ich möchte nicht wegziehen», sagt Mumbere. Er glaubt, dass sein neues Haus bis in drei Monaten bezugsbereit sei. «Und dann hoffe ich, dass der unangenehme Bekannte zu meiner Lebenszeit nicht mehr zurückkommt.»
«Wir werden euch niemals verlassen»
Ein paar Meter von Mumberes Haus entfernt knien Janine Kandege und Kaindu Kitsongo zwischen den spitzen Lavasteinen. Sie sammeln kleine Brocken, die sie später zerschlagen und als Kieselsteine auf dem Mark verkaufen. Vor dem Vulkanausbruch waren auch sie hier zu Hause. Derzeit leben sie gemeinsam mit den sieben ihnen anvertrauten Kindern in einer von etwa einem Dutzend provisorischen Zeltsiedlungen, die nach dem Ausbruch in Goma entstanden sind.
«Wir haben nicht genug Geld, um zurückzukehren», erklärt die 33-jährige Kandege. Selbst ihre Grundbedürfnisse könnten sie kaum decken. «Manchmal sind wir gezwungen, mehrere Tage mit etwas Wasser und Unkraut auszukommen.»


Dabei hatte die kongolesische Regierung den Betroffenen nach dem Ausbruch versichert, sie zu unterstützen. Wenige Wochen nach der Katastrophe besuchte Präsident Félix Tshisekedi die Stadt. Er sprach von neuen Häusern und Schulen. «Wir werden euch niemals verlassen», stand auf Plakaten, die der Präsident zur Feier seiner Ankunft aufhängen liess. Von solchen Versprechen ist heute kaum mehr etwas übrig.
Unten auf der Prioritätenliste
Mehrere internationale Hilfsorganisationen erklären gegenüber der NZZ, dass es in den Monaten nach dem Ausbruch bei der Verteilung der Hilfsgüter zu Verzögerungen gekommen sei. Die Decken, Kochtöpfe, Zeltplanen und Kanister, die sich in Lagerräumen gestapelt hätten, habe man nicht verteilen können. «Die Regierung genehmigte die Verteilung nicht», sagt der Leiter einer Hilfsorganisation.
Viele Organisation zogen sich deshalb zurück. Hilfe erhalten die rund 4000 vom Vulkan vertriebenen Menschen, die bis heute kein fixes Zuhause haben, nun vor allem von lokalen Organisationen, kirchlichen Gruppen und lokalen Prominenten.
Doch die Lebensmittelpakete, Matratzen und Decken, die sporadisch verteilt werden, reichen nicht aus. «Man hat uns einfach vergessen», sagt Kitsongo. «Derzeit hoffe ich einzig, dass Gott mich nicht vergisst.»